Allen Besuchern meiner Seite wünsche ich ein Frohes Neues Jahr! In Zukunft finden Sie hier Neuigkeiten und Vorankündigungen zu meinen Projekten.
Den Herbst 2007 verbrachte ich in Esslingen am Neckar (bei Stuttgart). Als Stipendiat der Stadt Esslingen wohnte und arbeitete ich im Bahnwwärterhaus der Villa Merkel. Nach den ersten zweieinhalb Monaten Planungs- und Vorbereitungsphase eröffnete ich eine Agentur zur Abwendung der Kausalität desSchicksals:
Villa Merkel | Bahnwärterhaus18. Oktober 18. November 2007
Till F.E. Haupt: Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals
Till F. E. Haupt, geboren 1970, lebt und arbeitet in Hamburg. Seit seinem Studium in Darmstadt und Hamburg entwickelte er ausgehend von der Handlungskunst der siebziger eine individualisierte Form der Real Life Kunst, die er subsoziale Performance nennt. Dabei handelt es sich um verschiedene konzeptuelle Ansätze, die alle mit Lebensentwürfen, Überleben, Lebenskunst und kreativer Problemlösung zu tun haben:
"Musterverträge für zwischenmenschliche Beziehungen", "Liebeskummer-Versicherung", "Persons Marketing", "Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals" oder Real Life L.A.B.
Mit solchen performativen und konzeptuellen Experimenten versucht Till F.E. Haupt herauszufinden, ob sich alltägliche oder gesellschaftliche Probleme durch seine, erlernte, künstlerische Profession lösen, oder zumindest erträglicher gestalten lassen.
Eröffnung: 19. Oktober, 19.00 Uhr
Die Agentur ist vom 20.10.07 bis 18.11.07
von Dienstag bis Freitag
zwischen 15:00 und 18:00 Uhr,
sowie am Samstag und Sonntag
von 11:00 bis 18:00 Uhr geöffnet
Ab dem 05.10.07 sind Besucher herzlich willkommen:
einfach mal vorbeischauen oder nach Vereinbarung 0177-8427729
Bahnwärter Till ist bis 02.11.07 vor Ort.
www.villa-merkel.de
18.Oktober 18. November 2007
“Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals”,
Villa Merkel | Bahnwärterhaus, Esslingen a.N.
23. Januar 1.April 2007
“Aktivní Konstelace”, aktive Konstellationen
Haus der Kunst der Stadt Brünn, Tschechien
www.dumb.cz
3. November 12. November 2006
"Skam >> Ausstellung"
Ateliergemeinschaft S.K.A.M. e.V. Hamburg
www.skam.org
14. Mai 24. September 2006
“sculpture@CityNord”,
Skulpturenpark in der City Nord, Hamburg
www.sculpture-citynord.de
1. Juni 11. Juni
“subsoziale performance”,
Superhorst, Berlin
www.instantrooms.net
19. Februar 17. April 2006
"Minimal Illusions" Arbeiten mit der Sammlung Reinking
3. November 16. November 2005
“Hauptversammlung”, [k] hoch 3,
Kampnagel, Hamburg
www.kampnagel.de
2005 "Beyond Frames", Echochamber Nobistor, Hamburg
2005 “Passion des Sammelns”, Stiftung Federkiel, Halle 14, Leipzig
2004 “Ein Tag, ein Raum, ein Bild”, Fath/Contemporary, Mannheim
2004 "plattform 45", Gruppenausstellung, Nobistor, Hamburg
2004 "Reisen = Zeichnen", Skamraum, Hamburg
2003 “Dasein”, Sammlung Reinking, Ernst-Barlach Stiftung, Ratzeburg und Wedel
2003 “Days In A Life 1996-1997” in der “artlounge”, Hamburg
2004 "Kleiner als", Eröffnung des Skamraums, Ateliergemeinschaft S.K.A.M. e.V. Hamburg
2003 “Gründung der Liebeskummer-Versicherung” auf der “plattform 45”, Hamburg
2002 “artgenda 2002” 4. Biennale für Junge Kunst im Ostseeraum in Hamburg
2002 "Skamplett", Ateliergemeinschaft S.K.A.M. e.V. - Hamburg
2002 “Vertraute Räume”, AR/GE Kunst, Galleria Museo, Bozen
2002 ”persons marketing”, in der “Hellen Zelle” (Umtrieb-Galerie), Kiel
2001 "Artbeatz-Zoom", Mojo-Club, Hamburg
2001 "Skamfinale", Ateliergemeinschaft S.K.A.M. e.V. - Hamburg
2001 “Anstiftung zu einer neuen Wahrnehmung”, NKM Weserburg, Bremen
2001 "Konsumenta", Kiel
2000 "Real-Life Concept" Mojo Club Vitrine auf der Reeperbahn, Hamburg
2000 "Till F.E. Haupt", Kunstraum 1, Hamburg
1999 “GBM Messe für Geldbeschaffungsmaßnahmen”, Pfefferberg, Berlin
1998 "Till F.E. Haupt's Future Stock", an der HAW - Armgartstraße, Hamburg
1997 "Wir sind die Gegenwart", Galerie der Gegenwart, Kunsthalle Hamburg
1996 "Menge 1", Galerie Artgerecht, Eberbach bei Heidelberg
1996 "Klasse Merose", Agentur für zeitgenössische Kunst, Weidenallee, Hamburg
1996 "Klasse Merose" an der Cooper Union, New York
1995 "Vergangenheit zu Verkaufen", an der HAW - Armgartstraße, Hamburg
1994 "Berlin subjektiv", in den Wallhöfen, kleines Regierungsviertel, Berlin
1993 "Kunstschule Blankenese", Klasse Irene Feldhuis, Rathaus Altona, Hamburg
Katalogtext: Hanne Zech (Neues Kunstmuseum Weserburg Bremen)
“Ich bin, nicht verstreut, sondern gänzlich versammelt, dort, wo ich mich befinde, an diesem Punkt, der meine Position ausmacht und wo sich, durch meine feste Zugehorigkeit, die Welt lokalisiert” Maurice Blanchot
,,JedenTag entstehen 2 Fotos. Das Eine ist ein übliches Selbst-porträt;eine Ganzkörper-Aufnahme,die ich per Selbstauslöser, um den Zeitraum des ersten Aus-dem-Haus-gehens mache. Auf Reisen wähle ich täglich eine andere Stelle für das Foto aus.Verweile ich länger an einem Ort, bestimme ich nach einiger Zeit einen beständigen Hintergrund. Das zweite Foto ist eine Dauerbelichtung mit einer selbstgebauten Lochkamera,die ich als Anhänger um meinen Hals trage. Auf einem 200 ASA Pocketfilm sammele ich den ganzenTag das Licht in meinem Blickfeld auf einem der Negative. Am nächstenTag drehe ich den Film zum nächsten Bild.” Wenn Till Haupt sich selbst dokumentiert, so trifft nicht nur der Wittgensteinsche Satz Ich bin meine Welt zu, sondern die besondere Form, in der Fixpunkte und Wege eine gleichermaBen hohe Bedeutung erhalten, legt den Begriff des Nomadischen nahe. ,,Der Aufenthalt ist weder von territorialen Umständen noch von Begriffen wie Zuhause oder Heimat geprägt, sondern von einem Reiseweg bestimmt,dabei keine Besitzansprüche, sondern einen vorübergehenden Aufenthalt bezeichnend. [...] Ein Weg liegt immer zwischen zwei Punkten, aber das Dazwischen hat die volle Konsistenz übernommen und besitzt sowohl Selbstständigkeit wie eine eigene Richtung. So haben Nomaden eine Geografie anstelle einer Geschichte.” Es gibt Orte und es gibt Zeit, aber es gibt keine Geschichte, die rekonstruierbar oder ablesbar wäre.
Katalogtext: Anstelle eines Vorworts von Andreas Baur (Villa Merkel / Bahnwärterhaus, Esslingen)
Wenn es einen Künstler wie Till F. E. Haupt, der seit Jahren in Hamburg lebt, für drei Monate nach Esslingen verschlägt, denn vermutet man ein gutes Stück Zufall mit am Werk. Vor allem, wenn sich der Gastaufenthalt einer Juryentscheidung bei harter Konkurrenz verdankt: Till F. E. Haupt ist Esslinger Bahnwärter (-Stipendiat) des Jahres 2007. Aber ganz frei war die Jury in ihrer Entscheidung gewissermaßen nicht. Vielmehr zollte sie perfekten, auch strategisch klugen Vorüberlegungen des Künstlers Tribut und folgte klaren, schicksalhaften Winken. Till F. E. Haupt beschrieb in seiner Bewerbung als Arbeitsvorhaben die Einrichtung einer Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals im Bahnwärterhaus Interessierten und Rat Suchenden zugänglich. Sein Vorschlag war also eine spezifische, performative und auch partizipative künstlerische Aktion. Namensparallelen führten ihn zum Literaten Gerhart Hauptmann, zu dessen Studie Bahnwärter Thiel und mit dieser zum Esslingen- Bezug. Das Thema für den Aufenthalt war bestimmt: Schicksal! Hauptmanns Bahnwärter Thiel handelt nicht selbstbestimmt. Er folgt Zwängen, wird Opfer, Mörder und in der Folge gar verrückt. Die Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals entwirft Angebote gegen die unheilvolle Kraft des Schicksals. Schließlich kann das Schicksal sprichwörtlich in die Hand genommen und recht kräftig auch gesteuert werden. Bahnwärter Till (Haupt) setzt auf die versöhnliche Seite: In der Agentur geht es an zwei eigens entwickelten Spieltischen zur Sache im Casino Mantikorum etwa sind verschiedene Praktiken der Mantik und der Wahrsagerei gebündelt. Experimente flankieren die Spielangebote; Experimente zu Murphy’s Law, Carpenter Effekt, zum Broken Window Syndrom oder zu Sprichwörtern wie „What goes around comes around!“. Till F. E. Haupts Real-Life Archiv für Lebenskunstwerke, subversive Selbstbestimmung, alternative Lebensformen, Widerstand und Autonomie ist nun also um Aspekte der Schicksalsbewältigung reicher. Manchen subsozialen Performances des Künstlers die von der Handlungskunst der 1970er Jahre her entwickelt sind haftet der ästhetische Charme behördlicher Formulare an. Allerdings verwandeln sie ein normiertes Verwalten in ein Nachdenken über das soziale Leben. Sie befragen, ob und wie weit sich alltägliche sowie gesellschaftliche Probleme durch Einsatz künstlerischer Mittel lösen oder erträglicher gestalten lassen. Dabei attackieren Witz und Ironie verkrustete Denkschemata. Es werden neue Formen kommunikativen Austauschs angeboten, etwa in Gestalt der Liebeskummer-Versicherung, des persons marketing oder der Musterverträge für zwischenmenschliche Beziehungen, die zur Regelung und Gestaltung feinster Gradationen zwischenmenschlichen Miteinanders Vordrucke bereithalten.
Das Miteinander ist, dem Verlust allgemein gültiger Wertvorstellungen launig ein Schnippchen schlagend, vertraglich optimiert. Auch scheut der Künstler nicht den Selbstversuch: er erprobt Transformationen an sich selbst, etwa mit der auf seine eigene Lebenslänge angelegten Arbeit Days In A Life: Seit zwölf Jahren porträtiert er sich täglich in einer Fotografie. Zudem entsteht ebenfalls täglich eine 24-stündige Zeitaufnahme. Till F. E. Haupt trägt die selbst gebaute Lochkamera wie Silberschmuck um den Hals diese bannt das während des ganzen Tages einfallende Licht aufs Kleinbildnegativ. Mittlerweile sind über 8000 Fotos entstanden. Stipendien sind Invest und meinen Zukunft. Im Falle Till F. E. Haupts kann direkt investiert werden, in dessen Future Stock, der selbstverständlich begeleitet wird von Jahresberichten. Diese brechen schonungslos mit einem letzten Tabu des Kunstbetriebs die Einnahmen des Künstlers sind neben anderen harten Fakten minuziös verzeichnet. Es gibt auch Dividenden! Nur zu zeichnen Sie!
Sebastian Lehmann (freier Journalist)
Till Haupts Künstlerbiografie prägen bislang vor allem drei große konzeptuelle Ansätze, die alle mit Lebensentwürfen, Überleben und Lebenskunst zu tun haben: subsoziale performance (sub- i.S.v.: @), persons marketing und real life project. Das Real Life L.A.B., erstmals gezeigt im Rahmen von sculpture@CityNord, besteht aus fünf bewohnbaren, knapp übermannshohen Kuben aus Holz (Schlaf-, Wohn- , Arbeits-, Küchen- und Archivwürfel), die sich beliebig miteinander verbinden und kombinieren lassen. In dieser jüngsten großen Arbeit von Haupt wird das Konzept REAL LIFE, ein Begriff, der seit den 90er Jahren Eingang sowohl in die Medien (z.B.: Big Brother) als auch in die Kunst (z.B.: Ross Sinclair) gefunden hat, sehr plakativ umgesetzt. Sie verbindet zudem die Person wie in den meisten seiner Arbeiten sehr eng und anschaulich mit dem Werk. Haupt be-gann schon Anfang der 90er Jahre sowohl mit real life zu arbeiten als auch diesen Ansatz weiterzuentwickeln. Daraus entstand das Konzept @soziale performance, das sich bisher unter anderem in einer Materialsammlung sowie in diversen Beratungsangeboten (etwa: Geldbeschaffungsmaßnahmen, Universalberatung für 99Pf./Minute) zeigt, die zum Teil bis heute fortbestehen. Haupt versteht seine künstlerische Profession als Handwerk zur Bewältigung und Entwicklung von alternativen Lebensmodellen und seine Kreativität als Mittel, Probleme zu lösen oder dabei zu beraten. Aus dieser Haltung heraus entstehen neben Objekten und Dokumentationen immer wieder Ideen und Aktionen, die den Mikrokosmos Till Haupt zum öffentlich sichtbaren und offenen Experimentierfeld für Lebensentwürfe und Lebenskunst machen, die von herkömmlichen Mustern und tradierten Werten (auch: Wertvorstellungen) abweichen bzw. diese überprüfen. Dafür stehen etwa die Musterverträge für zwischenmenschliche Beziehungen oder die Liebeskummer-Versicherung. Bisheriges Hauptwerk (seit 1995, fortlaufend) ist Days In A Life, eine sehr umfangreiche Arbeit, für die jeden Tag zwei Fotos entstehen. Ein Selbstporträt und ein 24 Stunden lang belichtetes Still der Welt, wie Till Haupt sie sieht, werden einander gegenüber gestellt sowie chronologisch geordnet. Derzeit können rund 8000 Fotos gleichzeitig gezeigt werden. Days In A Life ist auch beispielhaft für den dritten und ältesten künstlerischen Ansatz von Haupt, der sich wiederum eng an REAL LIFE und @soziale performance anlehnt: persons marketing. Anschaulich für dieses nur auf den ersten Blick radikale und narzisstische Konzept, Werk, Person und Biografie miteinander zu verschmelzen, sind auch die frühen Arbeiten Zukunftsaktie (future stock, Erwerb von zehn Minuten Zeit des Künstlers bei einer Rendite von einer Minute p.a.) oder Vergangenheitsversand (Gegenstände aus Kindheit und Jugend, die über einen Katalog der Erinnerungen verkauft werden). Ein Grundgedanke dabei: Es ist eigentlich unmöglich, sein Selbst lediglich zum Teil zu verkaufen, wie es die marktwirtschaftliche und Erlebnisgesellschaft heute nahe legt bzw. ihre Menschen vorleben. Sondern man kann und muss sich entweder ganz oder gar nicht verkaufen. Da das eine meist nicht gewollt wird und das andere so gut wie unmöglich ist, löst Till Haupt dieses Dilemma mit einem konzeptionellen Trick. Denn persons marketing ist weder von persönlicher Eitelkeit beeinflusst noch von der Idee der Selbstaufgabe. Verkauf eines Lebens bedeutet hier lediglich: Vergangenheit und Zukunft sind auf dem Markt. Aber die Gegenwart bleibt bei der Person und sichert ihre Autonomie.
Wulf Kirschner (Künstler)
Im Mittelpunkt des 1970 geborenen und in Darmstadt und Hamburg studierten Künstlers steht das Spannungsfeld zwischen Kunst und Leben. Er greift bestimmte Wirklichkeiten auf, wendet sie auf fremde Bereiche an, die den gewohnten Kontext verschieben. So zum Beispiel in seiner „Liebeskummerversicherung“, oder den „Musterverträgen für zwischenmenschliche Beziehungen“, die mit dem Charme der Formulare von Lebens- oder Unfallversicherungen daher kommen, aber den Kontext Versicherung in ein Nachdenken über soziales Leben verwandeln. Diese Verschiebungen oder Transformationen erprobt Haupt auch an sich selbst mit der auf seine eigene Lebenslänge angelegten Arbeit „Days in a life“. Seit zwölf Jahren fotografiert er jeden Tag ein Porträt von sich und macht mit Hilfe einer Lochkamera eine 24-stündige Zeitaufnahme. Die Lochkamera hat er selbst konstruiert, sie hängt wie ein Silberschmuckstück um seinen Hals. So sind mittlerweile mehr als 8000 Fotos zusammengekommen, die eindrucksvoll als „Hauptstraße“ in der Kampnagel-Farbrik, Hamburg oder in Halle 14 der Baumwollspinnerei in Leipzig zu sehen waren. Die eigene Selbstbeobachtung hat zu einer Selbstfestlegung geführt. Künstlerisches Konzept und eigene Person sind nicht mehr zu trennen. Das in der Ausstellung Sculpture @CityNord gezeigte Ensemble von fünf bewohnbaren Holzwürfeln („Real-Life L.A.B.“) befragt erneut das Leben, verschiebt die Fragen in die Kunst und hofft, dass die Antworten auf das Leben zurückwirken. Für den Betrachter ist Nachdenken angesagt. Aber das ist ein guter Schutz gegen die oberflächliche Eventisierung der Kunst.
Kieler Nachrichten 16.03.2002: Almut Behl
„Schon wieder ein neuer Laden?” wundern sich Passanten vor dem Schaufenster der Hellen Zelle/ Medusastraße 16. Im Kunstraum Gaarden hat Till Haupt sein „Büro für Zwischenmenschliche Beziehungen” aufgebaut, in dem er sein Selbstvermarktungskonzept vorstellt. Hier verkauft der Hamburger Künstler (32) Aktienpakete, deren Dividende statt Geld er in Zeiteinheiten ausschüttet. Hier kann der Besucher sich per „Vergangenheitsversand” mit persönlichen Erinnerungsstücken aus Haupts Leben bis 1993 beschäftigen. Mit der Aktion war Haupt, der in Hamburg Illustra-tion und Graphikdesign studiert, bundesweit in Ausstellungen. Erstmals zu sehen und für ¤ 10,- zu erwerben, sind die „Musterverträge für zwischenmenschliche Beziehungen”. „Soziale Performance” nennt er die Aktion, denn die findet beim Konsumenten statt. Der Vertrag enthält von Freundschaft bis Feindschaft Formulare zur „Gestaltung einer gemeinsamen Basis zwischen selbstbestimmten Individuen, bei Verzicht auf traditionelle Konventionen und vor dem Hintergrund eines Verlustes allgemeingültiger Werte (-Vorstellungen)”. Zynismus? Haupt, von Joseph Beuys und der „Handlungskunst” von Franz Erhard Walther beeinflusst, geht es um das Bewusstmachen, dass „jedes Leben reich” ist. Ernst und rührend der „Vergangenheitsversand “: Kernstück ist ein ebenfalls käuflicher Buchkatalog, der prägende Gegenstände aus seinem Leben mit Fotos und prosaischen Erinnerungstexten dokumentiert. So stehen beispielsweise der Beißring des ersten Lebensjahrs, Lego-Auto oder Schulranzen und damit verbundene Schlüsseler-lebnisse zum Verkauf. Wer sich zur stillen Einsicht mit einem Objekt aus Haupts Leben hinter den Vorhang zurückziehen möchte, wird mit authentischem Bild-, Text- und Tonmaterial versorgt. „Ästhetisieren stellt große Zufriedenheit her” so Haupt. Die Zeiten passiver oder imaginierender Betrachtung seien vorbei, bei Till Haupt ist der Konsument zur Handlung gerufen: „Seid doch endlich mal glücklich, erinnert Euch!” abeh
Pressetext zur Gründung der Liebeskummer Versicherung 2003:
Versicherung gegen Liebeskummer?! Verträge die Beziehungen regeln, Aktien zum “Zeitvertrieb”, Vergangenheit zum Verkauf, Universalberatung...
Mit solchen performativen und konzeptuellen Experimenten versucht Till F.E. Haupt herauszufinden, ob sich alltägliche oder gesellschaftliche Probleme durch seine, erlernte, künstlerische Profession lösen, oder zumindest erträglicher gestalten lassen. “Sein zentrales künstlerisches Anliegen [...] ist die kreative, d.h. schöpferische und somit ungewöhnliche Bewältigung des Lebens. [...] Der Künstler stellt mit Witz und Ironie die eingefahrenen Denkschemata des zivilisierten Menschen in Frage und bietet Möglichkeiten der Bewältigung, und neue Formen kommunikativen Austauschs [...]”.* Beispielsweise durch “die “Musterverträge für zwischenmenschliche Beziehungen”. Der Vertrag enthält von Freundschaft bis Feindschaft Formulare zur “Gestaltung einer gemeinsamen Basis zwischen selbstbestimmten Individuen, bei Verzicht auf traditionelle Konventionen und vor dem Hintergrund eines Verlustes allgemeingültiger Werte (-Vorstellungen)”.”** Nachdem die Veröffentlichung dieses 32 seitigen Vertragswerkes 2002 auf große Nachfrage stieß, startete er im Frühjahr 2003 ein neues Langzeitprojekt mit ähnlicher Thematik. Verliebte, Langzeit-Singles, Eheleute und alle Interessierte können sich bei Ihm gegen Liebeskummer versichern lassen: “Für zehn Euro und die Bereitschaft einem fremden gebrochenen Herzen etwas Gutes zu tun, sind Sie ab sofort gegen Liebeskummer versichert: (...) Bei der “Liebeskummer-Versicherung “versichern sich die Mitglieder gegenseitig: Jeder Versicherungsnehmer denkt sich eine “Prämie” aus, die er im Schadensfall einem fremden Geschädigten zukommen lassen würde. (...) Vernetzt werden die Versicherten über eine, zunächst von www.tillhaupt.de, zur Verfügung gestellte website. Hier sucht sich der “Zu-Schaden-Gekommene” eine für Ihn tröstliche Prämie aus und hier findet er unter einem Link auch den Kontakt zu demjenigen, der die Prämie anbietet. Weitere Informationen unter: www.tillhaupt.de
Pressetext “2=1” artfinder und Art&Culture - Annemarie Melster
Zur Themenfindung, Definition und Recherche für seine Arbeit legte Till Haupt vor sieben Jahren die Materialsammlung “a soziale performance:” an: “Mit dem Entstehen der Zeitaktie „Till F.E. Haupt’s Future Stock”, entwickelte sich bei mir die Vorstellung künstlerische Gestaltungsprinzipien auf das Leben im allgemeinen zu übertragen und Kreativität, in erster Linie, zur Lösung „alltäglicher” Probleme zu verwenden. Zunächst nannte ich diese Form des kreativen Handelns „Real Life Performance”. Doch der Begriff der „Sozialen Performance”, mit dem kleinen umkreisten „a” vorweg, erschien mir richtiger. Das „ a “ verweist darauf, daß es sich hierbei nicht unbedingt um soziale Aktionen, im Sinne von Wohltätigkeit, handelt. Bei den “ a sozialen performances” handelt es sich nicht um die Entwürfe von Ideologien, nicht mal um allgemeingültige Ideen, sondern um ungewöhnliche Lösungen für individuelle Probleme bzw. Vorstellungen - im Sinne von subversiver Selbstbestimmung. Das a soll daher als Sub, ausgesprochen werden.” Um den Begriff der “Sub Sozialen Perform-ance” mit Inhalten zu füllen, entstand die mit einigen Beispielen hier ausgestellte Materialsammlung auf vorgedruckten Din A2 Formularen. Auf den Siebdrucken befinden sich Beispiele, Dokumentationen, Skizzen, Fotos, Objekte und andere Beiträge zu den Themen Problemlösung, kreative (Alltags-) Bewältigung, Lebens-(raum)- gestaltung, Lebenskunstwerke und Real-Life. Pressetext “2=1” artfinder und Art&Culture
* Annemarie Melster im Katalog zu Ausstellung “Hamburg - Bozen: Vertraute Räume”, Bozen 2002
** Almut Behl - abeh in Kieler Nachrichten 16.03.2002
Person - Ware Erinnerung: Michael Lingner für Till F.E. Haupt persons marketing:
„Die Wirtschaft als Ordnung für Personen bringt das - schon früh erkannte - Problem, welche Stellung diejenigen einzunehmen haben, die mangels Fähigkeiten oder Gelegenheit an der Produktion nicht teilnehmen können. Das Problem entsteht nicht für junge Menschen: Ihre Ausbildung ist Einrichtung der Produktion. Auch für alte Menschen, die nach längerem Wirtschaften ausscheiden, läßt sich Personalität begründen; denn sein Auskommen in der wirtschaftlichen Ordnung findet nur und also läßt sich auch nur von demjenigen Akzeptation seiner Personalität erwarten, wer beruhigt sein kann, in solcher Lage versorgt zu werden und diese Versorgung als Erfolg eigenen Wirtschaftens verstehen zu dürfen. Aber die an der Produktion weder zukünftig noch in der Vergangenheit in hinreichendem Maße Beteiligten lassen sich in der Ordnung der Wirtschaft nicht als Personen verstehen. Wird ihnen aus dem von anderen Erwirtschafteten ein Unterhalt gewährt, so wird „die Subsistenz der Bedürftigen gesichert, ohne durch die Arbeit vermittelt zu seyn, was gegen das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und des Gefühls ihrer Individuen von ihrer Selbstständigkeit und Ehre“ geht (Hegel, Rph, § 245). Person ist, wer von der Gruppe gebraucht wird, und den von ihr Unterhaltenen braucht sie nicht, anders als den sich selbst Unterhaltenden. Mit anderen Worten, die im beschriebenen Sinne nicht Wirtschaftenden bleiben Individuen und damit zwingend Umwelt der sozialen Ordnung „Wirtschaft“; kurz und knapp, sie bleiben draußen. Dieses Ergebnis mag man durch Potentialisierungen (eventuelle Beseitigung der Arbeitslosigkeit) oder Generalisierungen abzumildern versuchen, ohne es freilich aufheben zu können.“ aus: Günther Jakob: Norm, Person, Gesellschaft: Vorüberlegungen zu einer Rechtsphilosophie
Katalogtext zu Ausstellung “Hamburg - Bozen: Vertraute Räume”, Bozen 2002 : Annemarie Melster
Eines der künstlerischen Themen von Till F. E. Haupt ist die zyklische Bewegung im Raum, die er anhand von Reisedokumentationen wiedergibt. Er legt die Landkarten der jeweils bereisten Region zugrunde, übermalt sie u.a. mit Nachzeichnungen der vorgenommenen Reiserouten. Bei der Übermalung rücken die bekannten Landschaften in den Focus, nicht berührte Orte treten in den Hintergrund. Zugehörig zu diesen Gemälden sind Reisetagebücher und Photographien, die den Ablauf und das Erlebte dokumentieren sollen. Ein weiteres zentrales künstlerisches Anliegen von Till F. E. Haupt liegt in einer kreativen, d.h. schöp¬ferischen und somit ungewöhnlichen Bewältigung des Lebens. Eine dies darstellende Materialsammlung ist Grundlage für ein Gestaltungskonzept das praktische Leben betreffend: Es umfasst Wohnstätte, Arbeitsplatz und Tätigkeit, sowie Standort und Lebensart. Der Künstler stellt mit Witz und Ironie die eingefahrenen Denkschemata des zivilisierten Menschen infrage und bietet Möglichkeiten der Bewältigung und neue Formen des kommunikativen Austauschs beispielsweise durch “Kreativitätstraining”, welches dem Kunstinteressierten in einer sozialen Performance zugänglich gemacht wird.
Hamburger Morgenpost 2005: Timo Hofmann
Kunst, gute Tat oder clevere Geschäftsidee? Künstler Till Haupt (33) verkauft auf seiner Internetseite eine Versicherung gegen Liebeskummer. Für 15 Euro und eine Trost- Idee für einem fremden Trauerkloß lässt sich per Maus-klick die „Heartache Insurance” abschließen. So funktioniert sie: Wer einen „Schadensfall” zu beklagen hat, darf sich aus dem Angebot der anderen Benutzer eine „Prämie” aussuchen. Die Palette reicht vom gemeinsamen Tag im Schwimmbad über ein einen Wochenend-Malkursus, einen Ally McBeal- Abend hin zum Pasta-Essen und einer „klientenzentrierten Gesprächstherapie” beim Heilpraktiker. Das alles bieten überwiegend in Hamburg lebende Herzschmerz-Opfer im Worid Wide Web wildfremden Leidensgenossen an. Wie seine Kunden durchlitt auch der Initiator selbst „unzählige eigene Enttäuschungen”. Im Tal der Tränen entstand die Idee. Nach seinen Trennungen habe er sich „immer mit den gleichen Freunden gegenseitig voll-geheult”. Das allein habe allerdings wenig Besserung gebracht, räumt Haupt ein. „Liebeskummer ist nicht nur ein Problem für den Leidenden, sondern auch für dessen soziales Umfeld”, behauptet er. Als er schließlich am Kneipentresen einmal einer Frau sein Leid klagte, die er gar nicht kannte, stellte er überrascht fest: „Das ist viel hilfreicher, weil eigene Freunde oft parteiisch sind.” So kam die Trauertauschbörse in Gang. Bislang haben 25 üser die Police abgeschlossen. Erstaunlich: In Anspruch genommen wurde sie bisher nur ein einziges Mal. Als die Hamburger Coaching-Frei-beruflerin Stephanie Müller sich von ihrem langjährigen Freund trennte, wählte sie das Trostpflaster des freien Art Directors Dodo Adden: Der 37-Jährige verbrachte einen Tag mit ihr an der Elbe mit Lagerfeuer, Trommeln, Antipasti, Wein und Büchern. Von der Liebeskummer-Versicherung ist er seitdem überzeugt: „Wenn man mit einem Unbeteiligten über so ein Problem redet, muss man es viel klarer formulieren. Dadurch wird es einem selbst deutlicher.” Und: Vielleicht ist so eine Begegnung ja auch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft... Timo Hofmann (Hamburger Morgenpost)
Reinking Collection
Reinking Projekte
Matthias Berthold
S.K.A.M. e.V,
Liebeskummer-Versicherung
The Twang
Villa Merkel | Bahnwärterhaus
Neues Kunstmuseum Weserburg
Himmel & Ernst
Making Sense of Marcel Duchamp
Umtrieb - Galerie
Sculpture @ CityNord
Sasa
Skrollan Alwert
Feuerlöscher TV
Days In A Life
seit 1995
Fotoabzüge: ca. 365 pro Jahr 10 x 13 cm und ca. 365 pro Jahr: 10 x 15 cm. Holzkisten (eine pro Jahr) Folien mit Fototaschen und Ösen (zwei pro Monat).
Jeden Tag entstehen zwei Fotos: Das eine ist ein übliches Selbstportrait (oben links); eine Ganzkörper-Aufnahme, die ich jeden Tag per Selbstauslöser aufnehme, wenn ich zum ersten Mal das Haus verlasse.
Das zweite Foto (oben rechts) ist eine Dauerbelichtung mit einer selbstgebauten Camera Obscura (Lochkamera), die ich als Anhänger um meinen Hals trage. Auf einem 200 ASA -Pocketfilm sammle ich den ganzen Tag das Licht in meinem Blickfeld auf einem der 24 Negative. Am nächsten Tag, nach einer Belichtungszeit von etwa 24 Stunden, drehe ich den Film zum nächsten Bild. Seit 1995 sind so jährlich ca. 730 Fotos entstanden, die in einem Raum an zwei sich gegen-überliegenden Wänden ausgestellt werden sollten, so daß eine Passage entsteht, die sich pro Jahr um zirka vier Meter verlängert. Zwischen den beiden Wänden nimmt der Besucher nicht nur perspektivisch die Position der Kameras ein, sondern steht auch zwischen
diversen Gegensätzen.
A Day In The Year...
C-print hinter Acryl: Ein Motiv pro Jahr (110 x 140 cm) mit dem jeweiligen Portrait auf der Rückseite (zirka 20 x 30 cm).
Zusätzlich zu der konzeptuellen, vollständigen Präsentation von “Days In A Life” bestimme ich pro Jahr ein Foto eines besonderen Tages. Bei der Auswahl entscheide ich mich neben ästhetischen Gesichtspunkten vor allem nach der persönlichen Bedeutung des jeweiligen Tages. Ziel ist es, einen besonders wichtigen, bedeutsamen oder für das Jahr charak-teristischen Tag zu finden dessen Foto visuell überzeugt oder sich von den Anderen abhebt.
Die Dauerbelichtung dieses Tages wird in größerem Format (110 x 140 cm) hinter Acrylglas kaschiert. Das Selbstportrait befindet sich in kleinerem Format auf der Rückseite. Es wird gerahmt von vier Aluminiumprofilen, die (wie sonst auch) als Abstandhaltern beim an die Wand hängen dienen.
Vergangenheits-Versand
1994-1998
Katalog der Erinnerungen 1970-1993: 36 Seiten, vierfarbig, geprägte Leinenbindung. Schutzumschlag: Zweiseitig, Siebdruck. Lager: 32 Erinnerungsstücke, Beutel u. Schatullen, Gestell und 3 Transportkisten.
Erinnerungs-Sets: Fotos, Leporellos (Transpa-rentpapier), Musikkassetten und leinenge-bundene Schachteln. Außerdem: Tische, Stühle, Schreibtischlampe, Walkman und Firmenschild.
1994 begann ich anhand von Erinnerungs-stücken, meine Vergangenheit zu katalogisieren.
Dem Begriff der Transsubstantiation (Kulturhistorischer Begriff, der den Umstand beschreibt, daß sich eine Sache in einer anderen Substanz, an einem anderen Ort und in anderer Zeit materialisieren kann. So sind z.B. in der heiligen Kommunion Wein und Brot weder Symbol noch Substitut, sondern für den gläubigen Christen sind sie Blut und Leib Jesu) folgend, wollte ich mit den Erinnerungsstücken gleichsam ganze Vergangenheitsabschnitte “glaubhaftig” zum Verkauf anbieten: Im „Katalog der Erinnerungen 1970-1993“ werden 32 Reliquien mit Foto und Text präsentiert. Die Texte erwecken den Eindruck, als ob die Erinnerungsstücke um die Gunst des
Lesers buhlen. Um eine Bauchnabelschau zu vermeiden soll jeder Rezipient im besten Falle nur einen Vergangenheitsabschnitt seiner Wahl begutachten dürfen: Hierzu erhält er das verpackte Erinnerungsstück und eine leinen-gebundene Box, die ein Manuskript aus Transparentpapier, Familienfotos und eine Musikkassette enthält: Auf dem Manuskript befindet sich die Geschichte des Vergangen-heitsabschnittes in Schrift, Zeichnungen und/ oder Bild. Auf der 30-minütigen Musikkassette befinden sich auf der „objektiv“- Seite Hits der jeweiligen Zeit und auf der „subjektiv“-Seite Musik, von der ich glaube sie zu der Zeit gehört zu haben. Die Vergangenheitsabschnitte sind einzeln zu erwerben. Das im Katalog jeweils verzeichnete Mindestgebot ist die Annäherung an einen zukünftigen Preis, zu dem ich mich von diesem Teil meiner Vergangenheit trennen würde.
Till F.E. Haupt’s Future Stock
seit 1997
Aktie über zehn Minuten pro Jahr aus dem Leben von Till Haupt: Siebdruck zweifarbig und
Nyloprint auf handgeschöpftem Papier mit Wasserzeichen und Haaren. Geplante Auflage: 12.000 Stück.
Das Jahr hat meistens 525.600 Minuten. Mein persönlicher “Zukunfts-Vorrat” besteht also aus 52.560 Anteilen á 10 Minuten pro Jahr. Die zusätzlichen 24 Stunden eines Schaltjahres betrachte ich als willkommenen aber zu vernachlässigenden Bonus. Da ich gern mein eigener Herr bin, beanspruche ich 75% meiner Zeit für mich. 25% der gesamten Zeit eines Jahres entsprechen zirka acht Stunden pro Werktag. Diesen Zeitraum galt es, wie bei jedem Berufstätigen, zu veräußern: Bei dem Konzept orientierte ich mich aus diversen Gründen, soweit es ging, zumeist am be-stehenden, amerikanischen Aktienrecht. Allerdings ersetzte ich nahezu alle monetären
Werte durch zeitliche: „Time is money! Is
money time?”
Der Aktionär beteiligt sich für zunächst ¤100,- und einen jährlichen Unkostenbeitrag an zehn Minuten meiner Zukunft pro Jahr. Das Geld wird angelegt: der Stückpreis ist so berechntet, daß ich von den Zinsen leben könnte, sobald alle Aktien “gezeichnet” sind. Nach dieser einmaligen Zahl ung darf die Aktie nur mit zeitlichen Werten weiter gehandelt werden, z.B. in Form von Dienst leistungen. Der Shareholder erhält im Gegen zug neben allen aktientypischen Vergünstig ungen (Bilanzen, Versammlungen, Wertzuwachs), vor allem eine Dividende. Die Dividende wird in Prozent vom Nominal-wert berechnet. Die Höhe ist abhängig von meinem Zeit gewinn, der durch das Weg fallen eines Broterwerbs entstehen sollte. Eine Dividende von 10% (bei einem Share von 10 Minuten also eine Minute) wird zunächst garantiert und wird in Form von mentaler und kreativer Dienstleistung ausgezahlt. Hierzu können mir die Aktionäre Aufgaben stellen, die ich unabhängig von räumlichen Faktoren innerhalb der zur auszuzahlenden Zeit erfüllen können sollte.
Real-Life L.A.B.
2006
Temporäres multimediales Wohnprojekt. Fünf Kuben bestehend aus 30 mit Sperrholz bespannten 213qcm Holzrahmen durch Steck-schaniere kombinierbar. Diverse Möbel und Real-Life Arcvhiv.
Schon öfter hatte ich den Wunsch verspürt, meine erste benutzbare Arbeit von 1993, die “Zwanzig Würfel” irgendwann noch einmal in “auf-den-Körper-bezogenen-Dimensionen” umzusetzen. Für die Outdoor-Ausstellung “sculpture@CityNord” entstanden fünf Kuben mit 213 cm Kantenmaß. Jeder bestand aus sechs mit Sperrholz beplankten Holzrahmen von sechs Zentimetern Stärke. Die Kanten waren mit je zwei Steckscharnieren versehen, so dass jede Wand aufgeklappt, abgenommen oder mit anderen Wänden verbunden werden konnte. Die Grundfläche eines jeden Würfels ließ durch eine entsprechende Möblierung eine vorbestimmte Nutzung erkennen: Ein Würfel zum Sein (Schlafen), einer zum Handeln (Arbeitsraum), einer für den (materiellen) Konsum (Küche), einer für die Kommunikation (Wohn- bzw. Esszimmer) und einer zum Denken (Real-Life Archiv). Das Archiv war die Schnittstelle bzw. das Angebot für das Publikum: Das Leben vor Ort angedockt an den Kunstbetrieb sollte nicht auf dem Präsentierteller stehen. Vielmehr sollten ein beiläufiger Kontakt zum Publikum hergestellt und dabei die Möglichkeit kreativer Lebens-gestaltung jenseits gesellschaftlicher Konven-tionen exemplarisch vor Augen geführt werden. Die Bandbreite dieser Möglichkeit wurde um den Inhalt des Archivs erweitert und dadurch die singuläre Beispielhaftigkeit des “Real-Life L.A.B.´s” betont. Als immensen Erfolg verbuche ich, daß viele Besucher und Passanten meinen Ausstellungsbeitrag nicht von vornherein als Bestandteil der Kunstveranstaltung wahr-nahmen. Das Experiment, eine Plattform für meine Arbeiten zu schaffen, die sich, ebenso wie die Arbeiten selbst, auf dem Grenzbereich zwischen Leben und Kunst befindet, ist anscheinend geglückt. Den Sommer über fanden im Real-Life L.A.B. und in der City Nord verschiedene Veranstaltungen statt. Von Juni bis September gab es monatlich einen Videoabend mit Filmen aus dem Real-Life Archiv und an mehreren Wochenenden war die Anlage für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber auch Wochentags wohnten verschiedene Gäste und ich selbst in der Anlage.
Real Life Project
seit 2000
Diplomarbeit: Konzept (134 Seiten),
Modellkoffer mit Model und Druckgrafiken.
Bei diesem Projekt handelt es sich um die Realisation eines umfangreichen Gestaltungs-konzeptes zum praktischen Leben. Zentrales Motiv des Projektes war es, einen Lebensraum zu kreieren, der allen Bedürfnissen meiner Person mit möglichst geringem Aufwand gerecht wird. Doch die Funktion der Anlage, wie sie hier dargestellt wird, geht weit über die offensichtliche Benutzung als Wohnstätte und Arbeitsplatz hinaus. Nach der Realisation möchte ich mich mit der Gestaltung weiterer Bereiche des Lebens beschäftigen. Außerdem soll ein Archiv zum Thema Real Life und Lebenskunstwerke entstehen. In diesem Zusammenhang werde ich außerdem ver-suchen, für die allgemeinen Probleme unserer Zeit Musterlösungen zu entwickeln, die vonanderen als Anregung genutzt werden können. Im Vorfeld habe ich als passendes Beispiel die ”Musterverträge für zwischen-menschliche Beziehungen” entwickelt. Für individuellere Probleme der Lebensgestaltung möchte ich kreative Einzelberatungen und Seminare anbieten. Durch die Motive Recherche, Experiment, Archiv, Labor und Informations- bzw. Beratungszentrum wird der private Aspekt der Wohnstätte für die Besucher auf- und eine Funktion als Real Life-Center hervorgehoben. Öffentlichkeit und Privatsphäre sind größtenteils, vor allem zeitlich, voneinander getrennt. Nicht das voyeuristische Interesse der Besucher soll geweckt werden, sondern der Wunsch, sein eigenes Leben bewußter und ästhetischer zu gestalten.
Musterverträge für zwischenmenschliche
Beziehungen
seit 2002
Neunteiliges Vertragswerk aus
33 Formularseiten Din A4 + Cover: 7 Seiten als Basisvertrag, 3 für Bekanntschaften, 4 für Freundschaften, 4 zu Angelegenheiten der Liebe, 4 für sexuelle Angelegenheiten, 3 für Verwandtschaften, 2 für Angelegenheiten des Wohnens und je 2 Seiten zu Ungleichen Beziehungen, Interessengemeinschaften u. Feindseligkeiten.
Aus dem Anliegen heraus, mein reales Leben zu gestalten und persönliche Probleme zum Thema meiner Arbeit zu machen, entstand u.a. dieses Formular. Es ist dazu bestimmt, die grundsätzlichen Einstellungen und Wertvor-stellungen zweier Menschen zu klären. Eckpunkte bilateraler Beziehung können formuliert und festgelegt werden. Ziel ist,unangenehmen Überraschungen, wie z.B. Meinungsverschiedenheiten und Enttäuschung-en vorzubeugen. Im gemeinsamen Ausarbeiten und Diskutieren werden konzentriert und zeitlich gerafft viele Problembereiche wie Moralvorstellungen, Konventionen, Prinzipien, Erwartungen und Hoffnungen thematisiert. Normalerweise kommen diese in der Phase des Kennenlernens zu kurz oder werden gar nicht angesprochen. Ein wenig von der romantischen Natürlichkeit des Kennenlernprozeßes mag hiermit verloren gehen. Aber was hilft es, wenn die Beziehung erst zu Verletzungen und Enttäuschungen führen muß, bevor man sich gänzlich kennengelernt hat. Wer investiert schon gern seine Zeit, Liebe und Nerven in eine Beziehung, die sich ohne Verlust der individuellen Selbstbestimmung einfach nicht aufrecht erhalten läßt. Die Musterverträge und eine Beratung, zu bewährten Beziehungs-modellen und unklaren Punkten, stellen ein Angebot dar, das jeder nach eigenem Ermessen nutzen kann. Um den angebotenen praktischen Nutzen zu garantieren, strebe ich bei der nächsten größeren Auflage eine Zusam-menarbeit mit anderen Fachleuten an, vor allem mit Soziologen und Juristen.
seit 2003
Multimediales, interaktives Projekt.
Website,Verträge, Schadensmeldungen, Poster und halbe Bleiherzen.
Auch eine Versicherung gegen Liebeskummer kann einen entstandenen Schaden weder rückgängig machen noch gebrochene Herzen wieder heilen. Sie kann allerdings, wie jede Versicherung, helfen, entstandenes Leid und die Folgen zu lindern. Bei der Liebeskummer-Versicherung versichern sich die Mitglieder gegenseitig. Jeder Versicherungsnehmer denkt sich eine Prämie aus, die er im Schadensfall einem fremden Geschädigten zukommen lassen würde, und von der er glaubt, daß sie bei Liebeskummer trösten könnte. Vernetzt werden
die Versicherten über die Website www.liebeskummer-versicherung.de. Hier sucht sich der “Zu-Schaden-Gekommene” (Versicherungsnehmer) eine für ihn tröstliche Prämie aus. Hier findet er unter einem Link auch den Kontakt zum “Versicherungsgeber”, demjenigen, der die Prämie anbietet. Alles weitere klären der Geschädigte und der Anbieter unter sich. Es ist anzunehmen, daß sich die angebotenen Prämien recht stark in Ihrer Wertigkeit unterscheiden werden. Der eine backt einen Kuchen, der andere bietet vielleicht die Schlüssel zu seinem Ferienhaus an. Ich räume mir das Recht ein, die angebotenen Prämien zu bewerten. Je hochwertiger die angebotene Prämie, desto höher ist das Mitglied versichert (Höhe der Police). Als Versicherungs-Police erhält jedes Mitglied ein oder mehrere halbe Herzen aus Blei. Wie mit den gebrochenen Tonscherben der Griechen (Charakter) können sich unbekannte Mitglieder einander gegenseitig ausweisen. Außerdem kann mit den Herzen das Geben und Nehmen im Gleichgewicht gehalten werden: Nach Auszahlung der Prämie überläßt der Versicherungsnehmer dem Geber eine bestimmte Anzahl halber Bleiherzen; die, der Prämie entsprechende “Police”. Der Versicherungsgeber kann in Zukunft mehr oder höhere Prämien in Anspruch nehmen. Der Nehmer hat weniger oder gar keine Policen mehr und muß nun zunächst als Versicherungsgeber fungieren, um wieder voll versichert zu sein. Oder er versichert sich mit einem weiteren Angebot. Um die Versicherung darüber hinaus vor Mißbrauch zu schützen, werden die entsprechenden Seiten durch ein Passwort geschützt. Zusätzlich füllt jeder Geschädigte zwei Schadensformulare aus: Eine Kopie für das prämienauszahlende Mitglied und eine für mein Archiv.
subsoziale performance:
Universalberatung 99 Pf./Min.
1999
Wandbeschriftung, Stoppuhr, Tische, Stühle.
Materialsammlung auf Siebdrucken, diverse
Materialien, Texte und Fotos.
Die Universalberatung war ein Beitrag von Matthias Berthold und mir zur „GBM - Messe für Geldbeschaffungsmaßnahmen“ im Pfefferberg in Berlin. Für 99 Pfennige pro Minute konnten sich die Messebesucher von uns zu einem beliebigen Thema beraten lassen. Es ging uns darum, herauszufinden, ob sich unsere gestalterischen Grundlagen (im Sinne von Lebenskunst) auf das Leben Dritter anwenden lassen und ob die „Lösungen“ erfolgreich vermittelbar sind: “Ist die künstlerische Profession für eine professionelle Beratung erwünscht und hilfreich?” Wir befaßten uns auf diese Weise z.B. mit Geldbeschaffung, Geldanlage, Drehbuch, Logogestaltung und Arbeitsorganisation. Vierzehn Messebesuchern konnten wir ungewöhnliche Lösungen mit auf den Weg geben.
Filet vom Schein-
Infragestellung einer Prophezeiung
Zubereitung und Verköstigung mehrerer Fünf Euroscheine nach einem Wiener Schnitzel Rezept an Kartoffelsalat. Garniert mit Sardellen,Kapern, Zitronen und Preiselbeeren.
Anfang 2006 hatte ich mich an einem künst-lerischen Gestaltungswettbewerb beteiligt: Der Focus Altona e.V. plant, eine Regionalwährung für Altona herauszugeben. Nach ihrem Wunsch sollten nun Altonaer Künstler die Rückseiten der von einer Agentur gestalteten Alto-Scheine gestalten. Die Jury entschied, die Entwürfe von drei Künstlern in drei Staffeln zu realisieren: Neben Mirko Reisser (alias DAIM) und Matthias Berthold wurden meine Entwürfe für die zweite Staffel mit folgender Begründung ausgewählt: “Ein alle Sinne ansprechendes Konzept (5 Scheine, 5 Sinne, 5 Entwürfe). Die vielfältigen Bedeutungen von Geld werden in ein lebendiges künstlerisches Gesamtkonzept integriert, das philosophische/kulturhistorische Hintergründe einbezieht”. (siehe auch "zweidimensional") Am Eröffnungsabend der Ausstellung „Geldbilder“ im Stadtteilarchiv Ottensen bereitete ich, einem meiner Entwürfe folgend, in der Kochperformance “Der Geschmack des Geldes Filet vom Schein” Fünf Euro-Scheine nach einem Wiener Schnitzel-Rezept zu. Die Scheine wurden zuvor desinfiziert und in Whiskey/ Essigsauce mariniert. Dabei löste sich schon mal das aufgedruckte Silber. Während der Zubereitung trennte ich den eingebundenen Silberstreifen heraus, wodurch ich die Filets erhielt. Die Filets wurden doppelt paniert, gebraten und mit Sardellen, Kapern, Zitronen und Preiselbeeren garniert. Dazu gab es Wiener-Kartoffelsalat. Skrollan Alwert hat für ihre Sendung auf Tide TV eine hervorragende Dokumentation produziert: http://www. feuerloescher-tv.com ---> Online TV ---> Edition 5
Denk-Mal! Weiße Rose
seit 1994 hier 2005.
Fünf Din A4 Stapel mit den Texten der weißen Rose. An verschiedenen Orten ausgelegt, z.T. verbunden mit der Aufforderung die Flugblätter zu kopieren und weiterzuverschicken. Hier während einer Clubveranstaltung am Nobistor in Hamburg. Zum 50. Jahrestag des Staufenberg Attentats wurde ich aufgefordert einen Denkmalsentwurf anzufertigen. Bei näherer Betrachtung mißviel mir jedoch die pausenlose Hervorhebung und Überhöhung dieses doch eher reaktionären Militärputsch-Versuches. In einer großen Ausstellung zum deutschen Widerstand anläßlich des 20. Julis im Bendler-Block, fand ich, in einer viel zu kleinen Abteilung zu anderen Formen des deutschen Widerstands, in einer winzigen Niesche, die Flugblätter der weißen Rose. Liest man die Flugblätter losgelöst von ihrem historischen Kontext (und mit einem Hang zur Systemkritik) wird man von Ihrer Aktualität überrascht. Ich entschloß mich den Text aus den Flugblättern zu reproduzieren und zunächst mit der Aufforderung sie zu vervielfältigen und weiterzuverteilen (wie es auch im Text gefordert wurde). Während eines Kunst/Clubevents der Veranstaltungsgruppe Beyond Frames legte ich die Flugblätter ohne ersichtliche Quellenangabe an verschiedenen Stellen aus und dokumentierte das Geschehen.
Berliner Geschichte (-n):
Of Might and Men
1994
Benutzbares Textilobjekt und Kurzfilm.
Diverse Stoffe, Reißverschlüsse, Knöpfe & andere Kurzwaren, Gewindestangen.
Dieses Fahnenobjekt läßt sich durch die Verwendung diverser Kurzwaren in mindestens
14 verschiedene Flaggen und diverse andere Kompositionen verwandeln. Als Grundlage für die Flaggenmotive dienten mir die letzten 100 Jahre Berliner Geschichte und damit verbundene Assoziationen. Ursprünglich wurde die Flagge entfaltet aufgehängt und in einer Performance präsentiert. Aus den Fotos, die während der Präsentation entstanden, wurde zunächst eine Diashow. Es sind so viele Fotos geschossen worden, daß man sie sich als Daumenkino anschauen kann. Deswegen habe ich mich entschlossen aus den Fotos einen Trickfilm herzustellen. Mittlerweile halte ich es für richtig, die Flagge nur noch geschlossen als schlichte rote Fläche aufzuhängen, um dem Betrachter zu nächst Freiraum für seine Assoziationen zulassen. Auf die weiße Rückseite kann (bei entsprechender Hängung) der Trickfilm als Dokumentation der Benutzung projiziert werden.
Zwanzig Würfel und Nesselmodell
1993
Zwanzig verschiedene Würfel: (10x10x10 cm) Graupappe, diverse Packpapiere und Bindfaden. Ein 20 x 20 x 20 cm Würfel: Graupappe, Nessel und 12 unterschiedliche Reißverschlüsse.
Auf der Suche nach verschiedenen „Schnittmustern“, aus denen sich ein Würfel falten läßt, entdeckte ich 11 Grundformen. Acht davon ergaben gespiegelt eine neue Form. Diese 20 Formen ließen sich aufgeklappt wie ein Puzzle zu einer Fläche auslegen (rechts die mittleren drei) oder zu „Faltbögen“ für immer größere Würfel verbinden. Um die Vollständigkeit der Grundformen empirisch zu belegen, entstand ein mit Nessel bespannter Würfel, dessen Kanten sich durch Reißverschlüsse trennen lassen.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
1996
Drei mal DIN A3: Bild: Wechselrahmen mit kopiertem Selbstportrait im Spiegel. Schriftzug “Vergangenheit”. Objekt: Spiegel. Schriftzug “Gegenwart”. Benutzbares Objekt: Verhüllter Spiegel und Fotopapier. Schriftzug “Zukunft”.
Diese drei ”Illustrationen” von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entstanden anläßlich der Ausstellungsaktion „Wir sind die Gegenwart“ in der Kunsthalle Hamburg, kurz nach der Eröffnung im Frühjahr 1997. Das Bild ”Vergangenheit” zeigt ein fotografiertes Selbstportrait im Spiegel. Das Objekt ”Gegenwart” ist ein beschrifteter Spiegel. Das benutzbare Objekt ”Zukunft” ist ein verhüllter Spiegel, auf dem ein unbelichtetes Stück Fotopapier liegt. Neben dem zeitlichen Aspekt illustrieren die drei Spiegel die, für meine Arbeit relevante kunstgeschichtliche Erweiterung des Kunstbegriffs. Desweiteren wurden während der Aktion alle Spiegel in den Sanitärbereichen der ”Galerie der Gegenwart” durch Namensschildchen zu „Bildnissen der Gegenwart“ deklariert.
Casino Mantikorum
2007
Interaktiver, multifunktioneller Spieltisch für wahrsagerische oder selbstreflektierende Praktiken. Achteckiger Tisch, Spieltuch, Jetons, Planchette, Pendel, I-Ching Münzen, I-Ching Oktaeder, Tarot und verschiedene Spielkarten.
Mantik bzw. Wahrsagerei ist ein in allen Kulturen tief verwurzelter Umgang mit dem Schicksal. Ebenso wie die Religionen prägten
und prägen diese (heute unter dem Sammelbegriff der Esoterik oft abwertend zusammengefassten) Praktiken die Vorstellungen und das Erscheinungsbild unserer Gesellschaft. Das Tarot z.B. beinhaltet kabbalistische, alchemistische, numerologische und astrologische Theorien. Seine Herkunft verbindet Okzident und Orient. Das I-Ching, um ein weiteres Beispiel zu nennen, zählt zu den ältesten Schriften der Welt und zeugt von der Philosophie und dem Weltbild des alten Chinas.
Dieser Spieltisch ist gleichsam einer Illustration
meiner Auseinandersetzung mit diesen Kulturschätzen, vom Lebensbaum der Kabbalisten bis hin zum Ouija Board, welches zuletzt von Parker in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als Partyspiel für Erwachsene auf den Markt gebracht wurde. Darüber hinaus stellt Casino Mantikorum die Werkzeuge zur Verfügung, die man benötigt, um auf diesem Weg sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen sei es im Glauben an ein prädestiniertes Schicksal und den Wunsch, über mystische Praktiken Einblicke in das vorbestimmte Schicksal zu erhaschen oder als nüchternes Mittel der Selbstreflektion und Entscheidungsfindung.
Psychodrom
Spielmaterial: Interaktiver, multifunktioneller, neuneckiger Spieltisch für psychologische und psychiatrische Tests. Spielsteine, Craps, Würfel, Jetons, Perlen, ein Block und ein Stift pro Spieler, verschiedenfarbige Spielkarten mit Fragen aus diversen Psychotests. Spieler: 1-6
Spieldauer: 1-3 Abende Spielbeginn: Der fröhlichste Spieler fängt an. Spielraum der Seele: Schicksal hat mehr mit freiem Willen zu tun als der Begriff bzw. seine übliche Bedeutung vermuten lassen. Und auch die so genannte Kausalität des Schicksals, die in uns durch Gene, Prägung oder Erziehung angelegte Bestimmung des Lebenswegs, kann von uns selbst beeinflusst werden. Die individuellen Möglichkeiten zu ergründen, Einfluss auf sein vermeintlich festgelegtes Schicksal zu gewinnen und die Bedingungen dafür auszuloten, ist die Aufgabe der “Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals". Ein erster Schritt auf diesem Weg führt über das Psychodrom und lautet: Selbsterkenntnis.
Ziel des Spiels ist es daher sich (als erster)selbst besser kennen zu lernen. Über ein Spiel auf dem Psychodrom lassen sich Muster und Skriptverhalten, Gefühle, Discounts und andere psychologische Komponenten erkennen. Diese Erkenntnisse helfen, der Kausalität des eigenen Lebensskriptes bewusst entgegenzutreten und aus dem Hier und Jetzt heraus Veränderungen vorzunehmen, die die Kausalität des eigenen Schicksals und damit den eigenen Lebensweg beeinflussen. [...]
Ende des Spiels: Wenn alle Karten der, als spielrelevant vereinbarten Psychotests beantwortet, die Wertungen festgelegt und die
gegebenenfalls fälligen Gewinne ausgezahlt sind, beginnt der Wettlauf zum Ziel.
Agentur zur Abwendung der
Kausalität des Schicksals:
Materialsammlung
Tonaufnahmen von Gesprächen zum Thema Schicksal mit den Esslinger Bürgern Thomas Lang, Peter Vollbrecht und Peter Schaal-Ahlers.
Diverse Notizen und Skizzen.
Die freie Assoziation hatte angeordntet, den Bahnwärter Thiel als Grundlage für die Bewerbung zum Bahnwärterstipendium zu studieren. Und selbige brachte während der Lektüre der Novelle den Schicksalsbegriff ins Spiel. Persönliche Umstände verwiesen auf die Kausalität. So geschah es, daß während meines Aufenthaltes in Esslingen im Rahmen des Bahnwärterstipendiums eine Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals entstehen sollte. Papier ist geduldig und ein virtuelles Konzept schnell verfasst. Vor Ort sah die Sache ganz anders aus. Ziemlich konsterniert von meinem Vorhaben, begann ich zunächst einmal Material zu sammeln. All das, was andere nah und fern zu diesem Thema zu sagen hatten, interessierte mich. Ich recherchierte u.a. die Begriff Schicksal, Kausalität, Agentur. Und ich sprach mit einigen Esslingern über ihre Vorstellung von Schicksal, Kausalität und deren Abwendbarkeit... Zeugnisse dieser Recherche, die ersten Ansätze auf den Gebieten der Wahrsagerei und der Psychologie füllen diesen Raum. Darüber hinaus bietet er Platz für den Dialog. Wo mir zunächst nur die Vorstellung einer Bürosituation zur Gestaltung der Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals in den Sinn kam, formt nun, neben den Spieltischen eine Art Bistro-Installation das Herzstück der Agentur.
subsoziale performance : 99 Pf./Min.
seit 1996
Materialsammlung auf Siebdrucken, diverse Materialien, Texte, Fotos, Zeichnungen und Objekte. Mit dem Entstehen der Aktie (siehe Till F.E. Haupt’s Future Stock) entwickelte sich bei mir die Vorstellung, künstlerische Gestaltungsprinzipien auf das Leben im allgemeinen zu übertragen und Kreativität in erster Linie zur Lösung alltäglicher Probleme zu verwenden. Zunächst nannte ich diese Form des kreativen Handelns “Real Life Performance”. Doch der Begriff der “sozialen Performance”, mit dem kleinen umkreisten “a” vorweg, erschien mir richtiger. Das “a” verweist darauf, daß es sich hierbei nicht unbedingt um soziale Aktionen im Sinne von Wohltätigkeit handelt. Die “ a sozialen performances” sollen keine allgemeingültige Ideen vermitteln, sondern exemplarisch ungewöhnliche Lösungsansätze für individuelle Probleme bzw. (Lebens-)Vorstellungen ausprobieren. Ganz im Sinne einer subversiven Selbstbestimmung. Das “ a ” soll daher als sub, ausgesprochen werden. Um dem Begriff der ” a sozialen Performance” näher zu kommen, legte ich eine Materialsammlung auf vorgedruckten Formularen an. Auf den Siebdrucken befinden sich Beispiele (Dokumentationen, Skizzen, Materialcollagen und ähnliche Beiträge zum Thema.
Die Sinne des Geldes
vorrausichtlich ab 2009
Fünf Regionalgeldscheine in Hamburg Altona hinterfragen die sinnliche Wahrnehmbarkeit des Geldes: Geld gilt in der Regel nicht zu den besonders sinnlichen Dingen. Trotzdem oder gerade deshalb fiehlen mir die fünf Sinne ein, als ich gebeten wurde an einem Gestaltungswettbewerb für die Rückseiten einer Altonaer Regionalwährung teilzunehmen. Auch weil die Stückelung des “Altos” fünf Scheine in den Beträgen 1, 2, 5, 10 und 20 gedacht war: Die grundlegende Idee ist mit den Scheinen etwas machen zu können, um einen entsprechenden Sinneseindruck zu erlangen: Ich recherchierte nach allgemeingültigen oder historische Antworten auf die Fragen nach dem Geruch, dem Geschmack, dem Klang, dem Gefühl und der Farbe des Geldes. Meine Umsetzung hinterfragt oder zu “widerlegt” die entsprechenden Behauptungen.
1 Alto: “DER GERUCH DES GELDES”
Auf diesem Schein wird Diogenes dem römische Kaiser Vespasian (9-79 n. Chr.) gegenübergestellt. Letzterer soll behauptet haben “Geld stinkt nicht”. Nach der Überlieferung hat der Imperator eine Steuer auf öffentliche Toiletten erhoben. Als sein Sohn Titus ihn dafür kritisierte, ließ er ihn an einer Münze aus diesem Steuertopf riechen. “Pecunia non olet” und weiter bemerkte Vespasian “Atqui e lotio est” (und doch entstammt sie dem Urin)... Das Geld stinken sollte, forderte angeblich Diogenes zu Zeiten Alexanders des Großen in Griechenland. Der Philosoph aus der Tonne plädierte um 400 v. Chr. für Geld aus Knochen. Die würden sich nach einer Weile zersetzen und müffeln. Grund genug, die anrüchige Währung schnell wieder los zu werden, statt sie zu horten. Dieser Schein soll mit einem Duftstoff präpariert. Rubbelt man an besagter Stelle unter dem Sticker duftet der Schein nach Urin.
2 Alto: “DER GESCHMACK DES GELDES”
“Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzteFluß vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet Ihr feststellen, daß man Geld nicht essen kann!” Dies ist die Weissagung der Cree Indianer, deren Kultur auch bei der Gestaltung dieser Banknote, in Form von Worten, Schrift und Bild Pate stand. In Zeiten wie der unserigen sollte man aber solche Binsenweisheiten mal überprüfen: Köche behaupten immer wieder, sie könnten einem Feinschmecker eine panierte Serviette als Schnitzel andrehen. Warum soll man das nicht auch mit einer Banknote machen können?
5 Alto “DAS GEFÜHL DES GELDES”
Dieser Schein macht fünfzig Vorschläge was man tun könnte, um das Gefühl von Geld zu verspüren bzw. Geld wie auch immer zu fühlen. Das Gestaltungsmotiv im Hintergrund zeigt San Gimignano, deren Bürger durch ihre Turmbauten eine ganz eigene Form gefunden haben, Reichtum und Macht sichtbar zu machen bzw. zu aesthetisieren. Der Text im linken Feld ist ein Zitat von Nietzsche, in dem er die Machtgeilheit des Menschen auf seine Ursprünge zurückführt.
10 Alto “DER KLANG DES GELDES”
Diese subsoziale performance hinterfragt die Anziehungskraft des Geldes. Ruft man die kostenpflichtige Telefonnummer an, hört man ein Band mit folgender Ansage : Vielen Dank, daß Sie sich für den Klang des Geldes interessieren!!! Beim nächsten Ton haben sie die Kunst mit 33 Cent unterstützt - KLIMPER (einer Vielen Dank, daß Sie sich für den Klang des Geldes interessieren!!! Beim nächsten Ton haben sie die Kunst mit 66 Cent unterstützt - KLIMPER (einer Registrierkasse)... Alternativ könnte auch eine Geschichte des Mullahs Nasruddin erzählt werden: “Wie Nasruddin mit dem Klang des Geldes bezahlt”. Diese Geschichte und die Person Nasruddin ziert auch meinen Entwurf. Der Mullah ist in der ganzen islamischen Welt bekannt und mit Till Eulenspiegel vergleichbar.
20 Alto: “DIE FARBE DES GELDES”
Greenbacks heißen Dollar auf Grund ihrer grünen Rückseite. Allen die daher glauben sollten die Farbe des Geldes sei grün, blüht eine Überraschung. Denn diesen Schein hat einen Hohlraum den man aufblasen und platzen lassen kann. Darin verbirgt sich eine härtere Währung, mit einer tradierteren Farbe. Die Motive zeigen neben einer bildlichen Anleitung,
den römischen Kaiser Diocletian, verantwortlich für eine der ersten Inflationen überhaupt und den Conquestador Pizarro der durch die Beschaffung von Inkagold eine große Inflation in Spanien auslöste.
Die Netze der Nornen
Fotoillustrationen als der Casino-Situation in der Agentur zur Abwendung der Kausalität des Schicksals:
Talmud - 2007
C-Print, 329 x 483mm
"Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden
Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal."
Sophie Scholl 2007
“Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert."
Prince of Persia, Bob Marley,
Heinrich von Pierer 2007
"Fate is never final.” “Every man has the right to decide his own destiny." “Control your fate or somebody else will.”
Isaac Newton 2007
“Fate is never a question of chance but of choice.”
Jean-Paul Sartre 2007
"Der Ignorant lebt seinen Tod, und indem er seine Freiheit verweigert, projiziert er sie auf die Welt, die sie ihm in Gestalt des Schicksals zurückwirft."
Reisen = Zeichnen
seit 1999
Drei Leinwände dokumentieren diverse Reise zeichnungen auf drei Kontinenten: Amerika, Europa (je 150 x 150 cm), und Asien (bzw. Indien und China / Korea. (200 x 150 cm), sowie Schachteln mit weiterem Reise- Doku mentationsmaterial. Während einer längeren Autofahrt entwickelte ich die Vorstellung, daß Fahren im wesentlichen mit dem Zeichnen zu vergleichen ist: Bei beidem beschreibt man eine Linie und durch Linien komplexere Formen. Man konzentriert sich auf eine Tätigkeit. Durch sie lernt man etwas über die Welt. Zu mindest beobachtet man bestimmte Teile seiner Umgebung oder seines Inneren. Wenn man routiniert und intensiv bei der Sache ist, ent stehen gewisse Freiräume. Auf jeden Fall geschieht etwas, das mit bestimmten Aspekten der Meditation vergleichbar sein könnte. Diese Erfahrung hat sich des öfteren wiederholt, vor allem bei einer eher ”passiven” Fort bewegung. So bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß sich bestimmte Formen des Reisens, als eine eigenständige Form der Zeichnung behaupten können. Da die bereisten Strecken nur schwerlich als Zeichnung zu überblicken und zu vermitteln sind, beschloß ich diese Reisezeichnungen zu dokumentieren. Auf Land karten, die ich durch Nitro-Frottage auf Leinwände übertrug, zeichnete ich die Routen im kleineren Maßstab nach. Im Folgenden grundierte ich die Leinwände und wiederholte die Zeichnung der zurückgelegten Reise mit Ölfarbe. Wobei ich sowohl verschiedene Reisen, als auch die bei Tag oder bei Nacht zurückgelegten Strecken farblich unterschied.
Mir gefiel die Vorstellung, das Verhältnis von Werk und Dokumentation im heutigen Kunstbetrieb durch diese Materialwahl zu hinterfragen. Die Dokumentation wird mit klassischen, originär künstlerischen Werkstoffen gestaltet, während die Zeichnung mit “realem” Material (u.a. der sich auf der Erdoberfläche bewegenden Person) gefertigt wird.